Inhaltsverzeichnis
  • Prägung, frühe Lernerfahrungen und Rollenbilder
  • Äußere Erwartungen werden zu inneren Maßstäben
  • Für wen will ich eigentlich perfekt sein?
  • Der innere Kritiker – die Stimme hinter dem Perfektionismus

Überall perfekt sein? Oder nur dort, wo es zählt?

  • Wann Perfektionismus besonders stark wird
  • Die enge Verbindung zwischen Selbstwert und Anspruch
  • Wenn Perfektionismus nicht im Vordergrund steht

Was Perfektionismus mit uns macht

  • Ständiger innerer Druck statt Entlastung
  • Was andere wahrnehmen – und was nicht

Es muss nicht immer perfekt sein – „gut genug“ ist oft ausreichend

  • Pareto-Prinzip: Wirkung entsteht nicht durch 100%
  • Wann ist „gut genug“ genug…
  • Wenn Perfektionismus Leistung verhindert

Perfektionismus und Veränderung – besser planen als beginnen

  • Lieber denken als handeln
  • Veränderung braucht Unsicherheit
  • Einfach tun

Kontrolle abgeben, ohne sich selbst zu verlieren

  • Warum Hilfe annehmen so schwer fällt
  • Kontrolle abgeben heißt nicht Verantwortung abzugeben
  • Praktische Schritte zum Loslassen

Weniger perfektionistisch werden – wie schaffe ich das?

  • Weniger Automatismus, mehr klare Entscheidungen
  • „Gut genug“ definieren
  • Fehler sind Feedback, kein Urteil
  • Unfertiges bewusst zulassen
  • Den inneren Kritiker annehmen, nicht bekämpfen
  • Kleine Schritte statt großer Vorsätze

Fazit: Was kann mein Perfektionismus für mich tun?

1. Einleitung: Wenn „gut genug“ sich nicht wirklich gut anfühlt

2. Was ist Perfektionismus eigentlich?

3. Woher kommt Perfektionismus?

 

Prägung, frühe Lernerfahrungen und Rollenbilder

 

Äußere Erwartungen werden zu inneren Maßstäben

 

Für wen will ich eigentlich perfekt sein?

 

Der innere Kritiker – die Stimme hinter dem Perfektionismus

4. Überall perfekt sein? Oder nur dort, wo es zählt?

 

Wann Perfektionismus besonders stark wird

 

Die enge Verbindung zwischen Selbstwert und Anspruch

 

Wenn Perfektionismus nicht im Vordergrund steht

5. Was Perfektionismus mit uns macht

 

Ständiger innerer Druck statt Entlastung

 

Was andere wahrnehmen – und was nicht

6. Es muss nicht immer perfekt sein – „gut genug“ ist oft ausreichend

 

Pareto-Prinzip: Wirkung entsteht nicht durch 100%

 

Wann ist „gut genug“ genug…

 

Wenn Perfektionismus Leistung verhindert

7. Perfektionismus und Veränderung – besser planen als beginnen

 

Lieber denken als handeln

 

Veränderung braucht Unsicherheit

 

Einfach tun

8. Kontrolle abgeben, ohne sich selbst zu verlieren

 

Warum Hilfe annehmen so schwer fällt

 

Kontrolle abgeben heißt nicht Verantwortung abzugeben

 

Praktische Schritte zum Loslassen

9. Weniger perfektionistisch werden – wie schaffe ich das?

 

.Weniger Automatismus, mehr klare Entscheidungen

 

„Gut genug“ definieren

 

Fehler sind Feedback, kein Urteil

 

Unfertiges bewusst zulassen

 

Den inneren Kritiker annehmen, nicht bekämpfen

 

Kleine Schritte statt großer Vorsätze

Fazit: Was kann mein Perfektionismus für mich tun?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einleitung: Wenn „gut genug“ sich nicht wirklich gut anfühlt…

Es passiert mir immer wieder. Eigentlich ist das, was ich gerade tun wollte, erledigt. Alle Punkte auf der To-Do-Liste sind abgehakt, alles vollständig, alles erledigt. Objektiv gesehen könnte ich mich jetzt entspannt zurücklehnen. Doch da ist nach wie vor eine innere Unruhe, kein Runterkommen, das Gefühl von „jetzt passt es“ stellt sich nicht wirklich ein.

Stattdessen taucht sofort der Gedanke auf „das hätte ich noch besser machen können, da gäbe es noch eine effizientere Möglichkeit, eigentlich reicht es noch nicht…“

Perfektionismus, ein Fluch und ein Segen zugleich. Denn ohne ein gewisses Maß an Perfektionismus wäre uns vieles egal, wir hätten keine Ambitionen und auch keinen Antrieb, Dinge weiterzuentwickeln. Aber wo ists genug? Ab wann ist es zu viel? Ab wann wird mein eigener Anspruch zu groß? Wo endet meine Verantwortung?

Ein gewisses Maß an Perfektionismus sorgt für Verlässlichkeit, für Struktur, er bringt Anerkennung und hilft Erwartungen zu erfüllen, die eigenen und auch die der anderen.

Aber irgendwann ist es zu viel. Dann wird der Anspruch an sich selbst zur Last, der innere Druck steigt und Entscheidungen brauchen immer länger, weil jedes Detail bedacht werden will. Jede Veränderung fühlt sich riskant an, weil sie nicht kontrollierbar ist. Und Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit gibt es eigentlich nie, selbst wenn objektiv viel gelungen ist.

In Lebensphasen, wo sich viel verändert, wo Fragen nach dem Sinn des eigenen Tuns häufiger werden und man die eigenen Gewissheiten öfter hinterfragt wie z.B. in der Lebensmitte, wird der eigene Perfektionismus spürbarer. Nicht als Lösung, sondern als Bremse, denn er gibt mir einen Grund, an Vergangenem, das vielleicht nicht mehr ganz passt, sich aber sicher und gewohnt anfühlt, festzuhalten, statt sich mit Neuem auseinanderzusetzen, das keine Garantien bietet, aber Entwicklung ermöglichen würde.

In diesem Artikel lade ich dich ein, mit mir gemeinsam Perfektionismus differenziert zu betrachten. Nicht als Schwäche oder etwas das „weg muss“, sondern als einen Teil der eigenen Persönlichkeit, ein Muster mit Geschichte, mit Wirkung in der Gegenwart und für die Zukunft. Gemeinsam betrachten wir, wie Perfektionismus früher manchmal hilfreich war, warum er heute oft anstrengend wird, und wie wir mit unserem eigenen Perfektionismus umgehen können, um Entwicklungen zu ermöglichen ohne dabei innerlich unter Druck zu geraten.

Was ist Perfektionismus eigentlich?

Perfektionismus wird oft missverstanden. Er ist nicht einfach der Wunsch, etwas gut zu machen. Und er ist auch nicht gleichzusetzen mit Sorgfalt, Genauigkeit oder einem hohen Qualitätsanspruch, Eigenschaften die wichtig, oft sogar unverzichtbar sind.

Perfektionismus beginnt immer dann, wenn nicht mehr Qualität das Ziel ist, sondern Absicherung. Wenn der eigene Wert, das eigene Gefühl von Kompetenz oder Sicherheit daran geknüpft sind, möglichst keine Fehler zu machen. Es geht dann nicht mehr darum, etwas sinnvoll oder passend zu erledigen, sondern darum, mögliche Kritik, Ablehnung, Konflikte oder Kontrollverlust zu vermeiden.

In der Psychologie unterscheidet man zwischen verschiedenen Formen von Perfektionismus.

Der Unterschied liegt nicht im Ergebnis, sondern im inneren Erleben.

  • Funktionaler Perfektionismus wirkt aktivierend. Er ist durch realistische Ansprüche und der Fähigkeit, einen Abschluss zu finden und mit dem Ergebnis zufrieden zu sein, gekennzeichnet. Er gibt Orientierung, schafft Fokus und ermöglicht Weiterentwicklung
  • Dysfunktionaler Perfektionismus erzeugt Druck, bindet Energie, verlängert Prozesse unnötig. Die eigenen Ansprüche wandern ständig nach oben, es gibt keine Freude an dem was schon da ist, der Fokus liegt immer auf dem, was noch fehlt oder verbessert werden kann.

Woher kommt Perfektionismus?

Perfektionismus ist nicht einfach da, sondern entwickelt sich meist über Jahre hinweg als Reaktion auf verschiedenste Erfahrungen, die wir gemacht haben, Erwartungen, mit denen wir konfrontiert wurden und Rückmeldungen, die wir auf unser Verhalten bekommen haben. Aus diesen Rückmeldungen schlussfolgern wir oft unbewusst, was erwünscht ist und wie wir uns verhalten sollen, um akzeptiert zu werden.

Prägung, frühe Lernerfahrungen und Rollenbilder

Kinder probieren aus, testen Grenzen und lernen durch Erfahrung. Vor allem aber lernen sie durch die Reaktionen anderer, oft erwachsener Personen, auf ihr Verhalten. Sie beobachten genau, welches Verhalten positiv aufgenommen wird und welches nicht, wann gelobt wird, wann kritisiert. Und daraus entwickeln sie Strategien um dazuzugehören und sich sicher zu fühlen.

Obwohl wir heute in einer Welt leben, in der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern immer mehr im Fokus steht, werden männlichen und weiblichen Kinder oft nach wie vor sehr unterschiedlich geprägt. Nicht aus böser Absicht, sondern weil unsere eigenen Rollenbilder, die wir als Kinder vermittelt bekommen haben, oft nach wie vor sehr tief in uns verankert sind. Diese Muster weiterzugeben passiert häufig automatisch, sie zu hinterfragen kostet Kraft, Bewusstsein und manchmal auch Mut.

Mädchen lernen dabei häufig von klein auf, dass sie „richtig“ und „gut sind“, wenn sie zuverlässig sind, gute Ergebnisse liefern, sich an Regeln halten und Erwartungen anderer erfüllen. Anerkennung ist oft mit Ordnung und Anpassung verknüpft, Fehler sind schlecht und werden vermieden, statt sie als Lernerfahrungen zu sehen.

Im Gegensatz dazu, werden Buben oft dazu angehalten, Neues auszuprobieren, Dinge zu hinterfragen, Grenzen zu testen und auch mal Fehler zu machen und so eigene Erfahrungen zu sammeln. Sie lernen früh, dass Durchsetzungsfähigkeit und Unabhängigkeit wichtige Merkmale sind, um Anerkennung zu erhalten. Der Preis dafür: Emotionen zu zeigen, Unsicherheiten einzugestehen oder Hilfe anzunehmen gilt als schwach und wird als nicht erstrebenswert angesehen. Diese Themen beschäftigen viele Männer lange Zeit ihres Lebens.

Es gibt keine bessere oder schlechtere Prägung, allerdings führen die unterschiedlichen Rollenbilder, die oft vermittelt werden, zu unterschiedlichen inneren Strategien um den Anforderungen von außen zu entsprechen. Eine dieser möglichen Strategien ist Perfektionismus, der oft als Antwort auf eine Prägung auftritt, in der Zugehörigkeit und Anerkennung stark an Leistung, gutes Verhalten und Selbstkontrolle gekoppelt sind.

Äußere Erwartungen werden zu inneren Maßstäben

Wir lernen also schon als Kinder, wie wir Aufmerksamkeit, Lob und Anerkennung erhalten können und was von uns in unserem sozialen Umfeld und in der Gesellschaft erwartet wird. Und damit prägen wir Verhaltensmuster, die uns im Lauf unseres Lebens Sicherheit geben können. Grundsätzlich gut, denn so hatten wir als Kinder Orientierung und die Möglichkeit, uns in bestehenden Systemen zurechtzufinden, in der Familie, der Schule, später im Beruf.

Doch oft handeln wir noch als Erwachsene nach den inneren Regeln, die wir als Kind gelernt haben, obwohl unsere Lebensphase mittlerweile eine ganz andere ist. Anforderungen werden oft komplexer, Rollen vielfältiger, Entscheidungen die wir treffen müssen, vielfältiger. So kommt es zu einem inneren Konflikt, zwischen den alten inneren Maßstäben und aktuellen Situationen, die wir in unserem Alltag bewältigen müssen.

Für wen will ich eigentlich perfekt sein?

Eine zentrale Frage, die oft unbequeme Wahrheiten aufdeckt.

Will ich die Anerkennung von außen? Von allen? Oder von bestimmten Personen? Oder geht es darum, mein eigenes Selbstbild zu bestätigen? Will ich die Kontrolle behalten, immer und überall?

Perfektionismus ist oft viel weniger ein „Leistungsthema“ als wir vermuten, sondern viel mehr der Versuch, Unsicherheit zu reduzieren und Kritik zu vermeiden.

Je größer das Bedürfnis nach Sicherheit durch Perfektion ist, desto weniger Raum gibt es für Entwicklung. Entwicklung braucht Bewegung, Unfertiges, Fehler und Korrekturen. Wer sich nur dort sicher fühlt, wo alles durchdacht, geplant und kontrollierbar ist, verlässt diese Schutzzone kaum, selbst dann, wenn man innerlich weiß, dass das, was gerade da ist, nicht mehr ganz passt.

Blog | Perfektionismus | Wachsen im Wechsel Martina Pietsch, Frau sitzt auf Stein am See und schaut aufs Wasser und anderes Ufer, Rückenansicht, trägt Jeans und schwarzes Top

Der innere Kritiker – die Stimme hinter dem Perfektionismus

Wir alle haben mehrere inneren Anteile in uns, die in verschiedenen Situationen unseres Lebens mehr oder weniger stark im Vordergrund stehen. Eine der inneren Instanzen, die Perfektionismus besonders stark antreibt, ist der innere Kritiker.

Er meldet sich oft genau dann, wenn du gern was Neues ausprobieren, etwas in deinem Leben verändern willst. Da ist diese Stimme in dir, die laut ruft „das kannst du nicht! Dafür bist du zu alt/zu klein/zu unsportlich/zu unbegabt/zu unselbstständig usw. usw.“

Alle Argumente wirken auf den ersten Blick logisch, und genau das macht ihn so wirksam.

Unser innererer Kritiker will uns eigentlich nur schützen, vor Fehlern, vor Ablehnung und vor unangenehmen Erfahrungen. In vielen Lebensphasen war diese Stimme hilfreich, um Grenzen aufzuzeigen und Orientierung zu behalten.

Und wir haben uns daran gewöhnt, auf diese innere Stimme zu hören, denn sie ist meistens rasch da, ist laut, und lässt oft nur wenig Raum für andere innere Meinungen und Optionen. Darum übernimmt sie bei vielen von uns im Lauf der Zeit viel zu oft das Kommando, bewertet und sieht Hindernisse und Barrieren.

So wird Perfektionismus zum Werkzeug des inneren Kritikers. Veränderung und Entwicklung wird nicht verhindert, weil sie unmöglich ist, sondern weil sie nicht perfekt planbar ist. Sicherheit wird höher bewertet als Entwicklung.

In uns gibt es viel mehr Anteile oder innere Stimmen als nur unseren inneren Kritiker. Wenn wir es schaffen, mehreren Anteilen Raum zu geben und zu erkennen, wovor unser innerer Kritiker uns schützen will, hilft uns das auch dabei unsere Sorge, nicht perfekt zu sein besser einzuordnen.

Wenn du mehr über Anteilsarbeit wissen willst und wie du deinem inneren Kritiker Raum geben kannst ohne die anderen Anteile zu überhören, lies gern in meinem Artikel zur Anteilsarbeit nach.

Überall perfekt sein? Oder nur dort, wo es zählt?

Perfektionismus ist nur sehr selten in allen Lebensbereichen gleich stark vorhanden. Kaum jemand will alles perfekt machen, stattdessen gibt es meist sehr klare Schwerpunkt. Es gibt Bereiche, in denen der Perfektionismus besonders stark ausgeprägt ist und andere, in denen sehr viel Gelassenheit möglich ist.

Wann Perfektionismus besonders stark wird

Wir wollen besonders in den Bereichen unseres Lebens perfekt sein, die in unserem Selbstbild einen hohen Stellenwert haben, wo es besonders wichtig für uns ist, „gut“ zu sein, akzeptiert zu werden und durch außergewöhnliche Leistung oder besonders gute Arbeit zu beeindrucken.

Perfektionismus tritt bei vielen Menschen in unterschiedlichen Lebensbereichen und Situationen auf. Ganz grundsätzlich betrifft er aber oft Arbeitsthemen, die eigene Familie, die Partnerschaft, die Freizeitgestaltung und den Umgang mit dem eigenen Körper.

Im Arbeitskontext kann das bedeuten, jede Aufgabe besonders gründlich auszuführen, nichts dem Zufall zu überlassen und hohe Erwartungen an sich selbst zu stellen. In Beziehungen zeigt sich Perfektionismus vielleicht durch ständiges Hinterfragen des eigenen Verhaltens und dem dauernden Bemühen es „richtig“ zu machen, niemanden zu enttäuschen und Konflikte zu vermeiden. Im Umgang mit dem eigenen Körper äußert sich Perfektionismus unter Umständen durch selbst aufgebauten inneren Druck, ständig zu optimieren, den Körper, das Gesicht, das Gewand, die Art zu Reden oder zu Gestikulieren, die Ernährung usw. usw.

Wie stark oder wenig stark Perfektionismus in einzelnen Lebensbereichen ausgeprägt ist, sagt nichts über die objektive Wichtigkeit der verschiedenen Bereiche aus, es zeigt allerdings, wo wir selbst unsere Schwerpunkte setzen, weil sie sehr stark mit unserer eigenen Identität verknüpft sind.

Je stärker ein Lebensbereich mit dem eigenen Selbstwert verknüpft ist, desto weniger Spielraum gestatten wir uns. Fehler sind dann Tragödien und persönliches Versagen und kein Teil des Prozesses und erschüttern unser Selbstbild.

Die enge Verbindung zwischen Selbstwert und unseren Anspruch an uns selbst

Unser Perfektionismus ist meistens dann am aktivsten, wenn unser Selbstwert nicht stabil verankert ist, sondern an Bedingungen geknüpft ist:

  • Ich bin gut, wenn…
  • Ich bin richtig, solange…
  • Ich darf mir etwas zutrauen, wenn…

Dieser Anspruch an uns selbst wird nicht mehr bewusst gewählt, sondern von unserem Inneren eingefordert. Und wir hinterfragen ihn nicht, weil er sich für uns alternativenlos anfühlt.

Ganz besonders ist das erkennbar, wenn es kein klares „gut genug“, keinen klaren Schlusspunkt gibt wie z.B. bei der Umsetzung von neuen Ideen. Auch wenn objektiv alles Wichtige getan wurde, bleibt innerlich das Gefühl, dass da noch etwas fehlt, ein weiterer Gedanke, eine andere Formulierung, ein weiterer Baustein….

Perfektionismus versucht in Bereichen ohne klares Ende Sicherheit herzustellen, dadurch wird allerdings keine innere Klarheit, sondern innere Kontrolle geschaffen. Es reicht uns nicht mehr, dass sich das Geschaffene stimmig und gut anfühlt, sondern wir optimieren, überarbeiten und schaffen noch mehr Sicherheit. Diese Kontrolle hat ihren Preis, denn sie bindet unsere Energie, erhöht den inneren Druck, den wir uns selbst machen und macht uns abhängig von äußeren Rückmeldungen. Es wird wichtiger ob etwas „gut genug“ wirkt, statt ob es sich für uns „gut genug“ anfühlt.

Wenn Perfektionismus nicht so sehr im Vordergrund steht…

Wie schon weiter oben erwähnt gibt es viele Lebensbereiche, in denen unser Perfektionismus kaum eine Rolle spielt, wo Fehler kein Drama sind und Ausprobieren möglich ist.

Das zeigt uns, dass Perfektionismus kein Persönlichkeitsmerkmal ist, das unveränderbar und starr ist, sondern kontextabhängig auftritt.

Dieses Wissen ist wichtig, denn es hilft uns, unseren Perfektionismus dort zu nutzen, wo er uns wirklich guttut, und ihn dort zu reduzieren, wo ein bisschen mehr Gelassenheit nötig ist.

Wir wollen nicht, dass unser Perfektionismus komplett verschwindet. Aber wichtig ist, wie bei vielen anderen Dingen, nicht einfach hinzunehmen, dass das „halt so ist“, sondern genau hinzuschauen und mich zu fragen:

  • Wo brauche ich meinen Perfektionismus in dieser Situation?
  • Was würde passieren, wenn ich mir etwas mehr Unschärfe erlauben würde?

Dadurch kommt es oft zur Erkenntnis, dass ich viele Bereiche meines Lebens gut ohne zu viel Perfektionismus bewältigen kann, hilft uns ein neues Selbst-Bewusstsein zu entwickeln und Entwicklung in vielen Lebensbereichen nicht mehr an Perfektion zu binden.

Was Perfektionismus mit uns macht

Perfektionismus bleibt nicht ohne Folgen für uns. Im Laufe der Zeit verändern wir uns innerlich, im Alltag und auch im Umgang mit anderen

Ständiger innerer Druck statt Entlastung

Perfektionismus führt oft dazu, dass wir nie zur Ruhe kommen, immer noch etwas mehr machen wollen.

Dieser Zustand führt zu Daueranspannung. Nicht immer sichtbar von außen, aber auf jeden Fall spürbar im Inneren. Erholung ist schwierig, weil wir sie uns keine Pausen erlauben, bevor alles „perfekt“ ist… da dieser Zustand aber so gut wie nie erreicht wird, ist Entspannung und Runterkommen so gut wie nie möglich.

Es gibt kein inneres „fertig“, daher bleibt unser Nervensystem im Alarmmodus. Wir bleiben angespannt und verlieren uns in Gedankenspiralen, auch wenn die Aufgabe objektiv längst abgeschlossen ist.

Was andere wahrnehmen, und was nicht…

Nach außen wirkt Perfektionismus oft kompetent, zuverlässig und engagiert. Doch im Inneren von perfektionistischen Menschen sieht es oft ganz anders aus: ständige Anspannung, ständiges Überprüfen, Zweifeln, Nachjustieren. Das wird oft nicht gesehen…

Es gibt allerdings Anzeichen. Perfektionist:innen delegieren sehr ungern, sie erledigen Dinge lieber selbst, da nur sie selbst ihren eigenen hohen Standards genügen können. So laden sie sich oft viel mehr auf als nötig wäre. Sie wollen Verantwortung behalten statt Unterstützung anzunehmen und Fehler vermeiden statt auszuprobieren und zu lernen.

Manche Perfektionist:innen ziehen sich zurück, um niemandem zu Last zu fallen oder um nicht angreifbar zu sein. Andere kompensieren Unsicherheit durch Funktionieren.

Sämtliche der Strategien führen zu einem trügerischen Sicherheitsgefühl, das leicht zu krampfhaftem Festhalten an alten Gewohnheiten, Starrsinn oder Isolation führen kann.

Es muss nicht immer perfekt sein… „gut genug“ ist oft völlig ausreichend

Perfektionismus wird oft mit hoher Leistungsfähigkeit und überdurchschnittlichem Engagement gleichgesetzt.Doch es passiert immer wieder, dass Perfektionismus zu einem Einsatz führt, der weit über das hinausgeht, was sinnvoll, notwendig oder wirksam wäre, zum sogenannten „Over-Performing“

Pareto-Prinzip: Wirkung entsteht nicht durch 100%

Das Pareto-Prinzip zeigt es ganz deutlich: In vielen Bereichen werden ca. 80% des Ergebnisses mit ca. 20% des Aufwands erreicht. Die restlichen 20% Verbesserung kosten unverhältnismäßig viel Energie, Zeit und Aufmerksamkeit, ohne einen entsprechenden Mehrwert zu bringen.

Übertragen auf unseren Alltag bedeutet das: Ein Großteil dessen, was notwendig ist, um ausreichend Leistung zu erbringen, passiert rasch und meistens unkompliziert. Das ständige Nachschärfen, Absichern und Optimieren verbessert das Ergebnis oft nur marginal, erhöht aber den inneren Druck massiv.

Perfektionist:innen ignorieren dieses Wissen, sie behandeln jede Aufgabe so, als würde sie maximale Präzision erfordern. Es gibt keine Unterschiede mehr, alles soll gleichzeitig, bestmöglich und mit voller Konzentration erledigt werden, ganz egal ob es z.B. das Erstellen einer Präsentation für ein wichtiges Kundenmeeting ist oder die Planung des nächsten After-Work-Events.

Wann ist „gut genug“ genug…

Manche Aufgaben erfordern volle Konzentration und Aufmerksamkeit, das ist unbestritten.

Ein Merkmal von Perfektionismus ist allerdings die zentrale innere Überzeugung: Wenn ich es nicht perfekt mache, dann ist es nicht ausreichend – egal in welchem Lebensbereich.

Und diese Annahme hält einer genauen Betrachtung oft nicht stand.

Ein Beispiel:

Ein Herzchirurg muss bei einer Operation äußerst präzise arbeiten, Sorgfalt, Fachwissen und Genauigkeit sind hier nicht verhandelbar. Doch ob die Naht danach millimetergenau symmetrisch ist, hat für das medizinische Ergebnis keine zusätzliche Relevanz, hier ist die Funktion entscheidend, nicht die optische Perfektion.

Übertragen auf viele Lebensbereiche heißt das: Es gibt Aufgaben, bei denen Präzision notwendig ist, und andere bei denen „gut gemacht“ vollkommen ausreicht.

Ein gewisses Maß an Genauigkeit, Verantwortung und Qualitätsbewusstsein ist sinnvoll und notwendig. Leistung wirkt allerdings dann am besten, wenn sie in Relation zum Ziel steht.

Nicht jede Aufgabe braucht das Maximum. Nicht jede Entscheidung muss perfekt sein, nicht jede Unsicherheit kann im Vorhinein ausgeräumt werden – und in den meisten Fällen ist das mehr als ausreichend.

Wenn Perfektionismus Leistung verhindert

Paradoxerweise kann Perfektionismus Leistung nicht nur steigern, sondern auch verhindern.

Vor allem dann, wenn Anforderungen unklar sind oder Bewertungskriterien subjektiv, entstehen innere Blockaden.

Der Anspruch, alles richtig zu machen, führt dazu, dass Aufgaben unnötig lange dauern oder gar nicht begonnen werden. Entscheidungen werden vertragt, weil noch eine Information fehlt, Projekte bleiben liegen, weil zuerst die vielen Schritte, die zum perfekten Ergebnis führen können visualisiert und durchdacht werden müssen…

So wird Perfektionismus zur Bremse, er verhindert die Umsetzung, nicht weil die Fähigkeiten fehlen, sondern weil die eigenen Maßstäbe unerreichbar hoch angesetzt sind.

Perfektionismus kann davor schützen, Fehler zu machen. Gleichzeitig schützt er aber auch davor, Erfahrungen zu machen. Und Entwicklung entsteht nicht im Denken, sondern im Tun, im Erleben. Und ins Tun zu kommen bedeutet auch, mit Unschärfe zu leben.

Wer erst beginnt, wenn alles durchdacht, geplant und abgesichert ist, beginnt oft gar nicht. Nicht aus Unfähigkeit, sondern aus einem zu hohen inneren Anspruch.

Blog | Perfektionismus | Wachsen im Wechsel Martina Pietsch, Spruck Perfektion is Stagnation mit Kreide auf Tafel geschrieben

Perfektionismus und Veränderung… besser planen als beginnen…

Perfektionismus will uns schützen, verspricht uns Sicherheit und verhindert dabei, dass wir vorankommen.

Das zeigt sich oft besonders deutlich, wenn wir etwas Neues beginnen könnten. Wir haben oft so viele Wünsche und Ideen, für neue Projekte, Veränderungen in unserem Leben die wir angehen wollen und es gibt oft auch Entscheidungen, die wir treffen sollten. Und obwohl wir theoretisch ganz viele Pläne haben und auch wissen, was funktionieren könnte passiert schlussendlich erstaunlich wenig.

Lieber denken als handeln

Die Perfektionist:innen unter uns denken viel nach, bevor sie handeln. Es wird geplant, abgewogen und analysiert. Szenarien werden durchgespielt, Risiken identifiziert und Alternativen geprüft. Wirkt verantwortungsvoll, und bis zu einem gewissen Maß ist es das auch.

Problematisch wird es dann, wenn das Denken zum Ersatz fürs Tun wird. Planen gibt Sicherheit, doch zum Handeln fühlt man sich immer zu unsicher. Innerlich sind wir dann sehr beschäftigt, aber äußerlich bewegt sich gar nichts.

Wir sagen uns immer wieder vor „Wenn ich sicher bin, dass es funktioniert, dann lege ich wirklich los“. Doch Sicherheit passt nicht zu Veränderung, sie entsteht erst beim Tun und Wiederholen, beim Ausprobieren und beim echte Erfahrungen sammeln.

Darum schieben wir das Anfangen, das wirklich Tun immer wieder auf, denn in unserem Inneren haben wir das Gefühl, dass wir unseren inneren Ansprüchen noch nicht gerecht werden können. Das Anfangen ist die größte Hürde, denn in uns ist das Bedürfnis es von Anfang an richtig zu machen, nicht der Aufwand schreckt uns ab, sondern die Angst, unseren eigenen Maßstäben nicht gerecht zu werden.

Und dann kommt es zu Phasen des scheinbaren Nichtstuns, erstarrt in dem unangenehmen Gefühl nicht weiterzukommen aber auch noch nicht bereit für den Start zu sein. Und dieses Gefühl schafft wiederum Unwohlsein, denn auch Nichtstun entspricht oft nicht dem inneren Idealbild, das wir in jedem Fall aufrecht erhalten wollen.

Veränderung braucht Unsicherheit

Veränderung bedeutet, sich auf etwas einzulassen, das noch keine klare Form hat. Entscheidungen zu treffen, ohne alle Konsequenzen zu kennen. Erfahrungen entstehen während dem Tun und das bedeutet Kontrollverlust.

Deshalb wird Veränderung oft endlos vorbereitet, wir schreiben Listen, erstellen Pläne und Alternativszenarien und planen oft auch für andere mit. Und doch bleibt am Ende meistens immer noch das Gefühl: Jetzt geht es noch nicht!

Die Gründe dafür scheinen vernünftig: zu viele offene Fragen, falscher Zeitpunkt, zu viel Verantwortung, zu wenig Zeit… und all das ist (mal wieder) eine Form der Angst vor dem Ungewissen.

Wer nicht beginnt kann auch nicht scheitern. Wer nichts ausprobiert, macht keine Fehler. Und damit kann man leicht das perfektionistisches Selbstbild bewahren: ich bin kompetent, überlegt und kontrolliert.

Doch der Preis dafür ist hoch, denn wer nicht startet, bekommt auch keine echten Rückmeldungen, hat keine Chance Korrekturmöglichkeiten zu erkennen und Theorien zu prüfen. Die eigenen Gedankenkonstrukte bleiben immer theoretisch, und damit unangreifbar… aber eben auch unbeweglich.

Einfach tun…

Um aus den eigenen Mustern zu entkommen, ist es notwendig ins Tun zu kommen. Es braucht keinen besseren Plan, sondern den Mut, Unvollkommenes zu akzeptieren.

Ich darf mir selbst die Erlaubnis geben, etwas zu beginnen ohne zu wissen, wie es enden wird. Und ich darf bereit sein, unterwegs nachzuschärfen, statt von Anfang an alles festzulegen.

Perfektionismus schützt vor Unsicherheit. Veränderung bedeutet, den Mut aufzubringen, diese Unsicherheit auszuhalten und so echte Erfahrungen zu machen.

Wenn du mehr über Veränderung erfahren willst und wie du erfolgreich erste Schritte setzt, lies gern in meinem Blogartikel zum Thema Veränderung nach.

Kontrolle abgeben, ohne sich selbst zu verlieren

Perfektionismus und Kontrolle gehören eng zusammen. Kontrolle gibt Sicherheit und sorgt dafür dass Dinge so laufen, wie wir sie erwarten, zumindest in der Theorie.
Menschen mit hohem Perfektionismus-Anteil haben früh gelernt, dass sie nur dann alles im Griff haben, wenn sie es selbst machen. Das bringt Verlässlichkeit, Qualität und Anerkennung.

Doch ständige Kontrolle kostet Kraft, vorallem wenn sie nicht mehr bewusst und gezielt eingesetzt wird, sondern eine Grundhaltung geworden ist.

 

Warum Hilfe annehmen so schwer fällt

Meist scheitert es nicht an äußeren Umständen, sondern es sind die eigenen inneren Überzeugungen, die uns daran hindern uns helfen zu lassen, z.B.:

  • Ich mach es lieber selbst, dann wird es richtig
  • Ich will niemandem zur Last fallen
  • Ich sollte das alleine schaffen
  • Wenn ich Unterstützung brauche, habe ich mein Leben nicht im Griff

Diese (und viele andere) Glaubenssätze sind Zeichen unseres tief in uns verankerten Verantwortungsgefühls. Schwierig wird es dann, wenn sie unser ganzes Tun und alle Aspekte unseres Lebens beherrschen und keine Alternative mehr zulassen. Denn dann erzeugt alles, was ich nicht vollständig kontrollieren kann, inneren Stress.

Perfektionist:innen nehmen Hilfe oft erst dann an, wenn es gar nicht mehr anders geht, aus Erschöpfung, Überforderung oder Zeitdruck. Oft wird die Unterstützung dann als Notlösung gesehen, als Aufforderung an sich selbst, es beim nächsten Mal besser hinzubekommen.

Kontrolle abgeben heißt nicht Verantwortung abzugeben

Perfektionist:innen denken, Kontrolle abgeben ist gleichbedeutend mit dem Abgeben von Verantwortung.

Doch in Wirklichkeit bedeutet verantwortliches Handeln nicht, alles selbst zu erledigen. Sondern es beinhaltet auch, gut mit den eigenen Ressourcen umzugehen, zu erkennen wo Unterstützung sinnvoll ist und sie zuzulassen und Aufgaben, je nach den Fähigkeiten der anderen, sinnvoll zu verteilen.

Denn delegieren bedeutet nicht, dass einem alles egal ist, dass man Dinge wegschiebt oder sich drücken will. Sondern es heißt, dass man in der Lage ist Prioritäten zu setzen, Vertrauen aufzubauen, die Stärken anderer anzuerkennen und die eigene Energie dort einzusetzen, wo sie wirklich gebraucht wird.

Loslassen von Kontrolle verlangt von uns, dass wir akzeptieren, dass Dinge anders gemacht werden. Und anders ist meistens nicht gleichzusetzen mit schlecht. Doch genau das passiert Perfektionist:innen oft: Wenn es nicht so aussieht, abläuft oder gemacht wird, wie sie es tun würden, dann ist es schlecht.

Es ist wichtig, diese Denkweise zu relativierenden, denn oft entstehen genau durch neue, fremde Sichtweisen neue, spannende Dinge und Wege.

Natürlich ist es auch möglich, dass Aufgaben, die an andere delegiert wurden, schlecht oder unvollständig erledigt wurden. Es ist wichtig zu unterscheiden: Wurden Aufgaben anders, auf ungewohnte Weise, umgesetzt, oder ist die Umsetzung wirklich nicht tragbar – und dann entsprechend zu handeln.

Praktische Schritte, um Kontrolle schrittweise abzugeben:

  • Nicht beim Wichtigsten anfangen. Gib anfangs kleine Aufgaben, überschaubare Prozesse ab, die dir emotional nicht so wichtig sind.
  • Erwartungen klar machen und nicht voraussetzen, dass die andere Person Gedanken lesen kann. Viele Enttäuschungen entstehen, weil Erwartungen nicht klar ausgesprochen werden.
  • Unterschiedlichkeit zulassen. Wer delegiert, erhält Lösungen, die anders aussehen als die eigene. Doch solange etwas seinen Zweck erfüllt, muss es nicht identisch mit den eigenen Vorstellungen sein
  • Nicht sofort eingreifen. Halte den Impuls, einzugreifen, nachzubessen oder zu korrigieren zurück, und klare zuerst für dich: Ist es für die Umsetzung der Arbeit notwendig, oder will ich nur meine eigene Unsicherheit besänftigen?

Wenn wir Kontrolle abgeben, erleben wir zunächst oft Unsicherheit, das ist völlig normal. Gleichzeitig entstehen auch neue Erfahrung:

  • Wir spüren Entlastung, innerlich und äußerlich
  • Es bleibt mehr Raum für Wesentliches
  • Es kommt zu lebendigeren Beziehungen, weil Verantwortung geteilt wird
  • Und wir erhalten ein realistischeres Bild, was wirklich wichtig ist

Und dann ist da oft die Erkenntnis: Die Welt bricht nicht zusammen, wenn nicht alles perfekt für mich läuft. Und: die anderen haben oft auch gute Ideen.

Weniger perfektionistisch werden – wie schaffe ich das?

Der eigene Perfektionismus ist meist über Jahre gewachsen und wir wollen ihn auch nicht loswerden, denn er hat auch viele gute Seiten und Vorteile. Doch was bei perfektionistisch veranlagten Menschen oft notwendig ist, ist eine kritische Auseinandersetzung: Wie gehe ich mit meinem Perfektionismus um, was ist nur Automatismus, was ist wirklich hilfreich für mich und mein Leben?

Die folgenden Impulse sind keine Checkliste, die „perfekt“ umgesetzt werden muss, sondern eine Einladung, den inneren Anspruch an manchen Stellen zu lockern und neue Erfahrungen zuzulassen

 

Weniger Automatismus, mehr klare Entscheidungen

Eine der wirksamsten Entscheidungen beginnt mit einer einfachen Frage: Welches Maß an Perfektion ist hier wirklich angemessen?

Nicht jede Aufgabe braucht dieselbe Sorgfalt, nicht alles verdient den gleichen Einsatz..

Ordne die Aufgabe, die du umsetzen willst vorab ein: Ist sie

  • Kritisch? Dann ist durchgehend hohe Genauigkeit notwendig
  • Wichtig? Dann ist es wichtig solide und sorgfältig zu arbeiten, aber Grenzen zu setzen, wann es genug ist
  • Alltäglich? Dann ist es oft ausreichend, funktional und pragmatisch zu handeln

Durch diese Einteilung reduzierst du den inneren Druck, weil du den Anspruch an die Aufgabe bewusst gesetzt hast.

„Gut genug“ definieren

Wann ist eine Aufgabe „gut genug“ umgesetzt? Oft bleibt das vage, und diese Unschärfe führt dazu, dass wir die eigene Messlatte immer weiter nach oben schieben.

Daher stelle dir vor Beginn einer Aufgabe die folgenden Fragen:

  • Woran erkenne ich, dass diese Aufgabe erledigt ist?
  • Was ist das Ziel – nicht das ideale, sondern das, das auf jeden Fall erreicht werden sollte
  • Was wäre ein realistisches Ergebnis, mit dem ich leben kann.

Sind diese Kriterien von vornherein festgelegt, gibt es Klarheit und Aufgaben können auch besser abgeschlossen werden.

Blog | Perfektionismus | Wachsen im Wechsel Martina Pietsch, Frau im Anzug sitzt an Schreibtisch, Kopf in Hände gestützt, liest Dokumente, daneben ein großer Stapel an weiteren Dokumenten

Fehler sind Feedback, kein Urteil

Perfektionist:innen nehmen Fehler persönlich, sie leiten daraus eine Aussage über ihren eigenen Wert ab, was zu viel Stress führt.

Daher ist es hilfreich, die Perspektive zu wechseln: Ein Fehler ist keine Aussage über mich, sondern eine Rückmeldung, die Erkenntnisse bringt und zu Weiterentwicklung führt.

Denn ohne Fehler gibt es keine Entwicklung, Lernen entsteht nicht durch vermeiden von Neuem oder Herausforderndem, sondern durch Ausprobieren und dem Sammeln von Erkenntnissen.

Fehler sollten daher auch genau so betrachtet werden, als Schritt in die richtige Richtung, die unvermeidbar sind, wenn ich vorankommen will.

Unfertiges bewusst zulassen

Unfertiges ist für Perfektionist:innen oft schwer auszuhalten, denn es widerspricht dem Wunsch nach Kontrolle und Sicherheit. Während Veränderungen und dem Beschreiten von neuen Wegen gibt es oft sehr viel, das unklar, unsicher und unfertig ist. Daher ist es gut, den Umgang damit zu üben, z.B. indem du eine Aufgabe beendest, obwohl sie sich für dich noch nicht völlig fertig anfühlt oder du mit einer Idee startest, ohne das Endergebnis klar vor dir zu sehen.

Das Ziel dabei ist es nicht, schlampig zu werden, sondern den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern.

Den inneren Kritiker annehmen, nicht bekämpfen

Der innere Kritiker in uns hat eigentlich Gutes für uns im Sinn, wenn wir seine Beweggründe erkennen, können wir unsere Gedanken oft besser einordnen. In Situationen, wo unser innerer Kritiker sich laut zu Wort meldet, können wir ihn fragen:

  • Wovor willst du mich gerade schützen?
  • Ist diese Gefahr real, oder ist sie ein Überbleibsel aus einer früheren Lebensphase?
  • Was wäre heute ein angemessener Umgang mit der Situation?

So ist es möglich, die absolute Vorherrschaft des inneren Kritikers zu relativieren, und auch andere innere Anteile zu Wort kommen zu lassen, mehr dazu in meinem Artikel zur Anteilsarbeit.

Kleine Schritte statt großer Vorsätze

Perfektionist:innen haben oft große Pläne, Veränderung gelingt allerdings meistens in kleinen konkreten Schritten.

Ein sinnvoller Beginn um den eigenen Perfektionismus zu reduzieren kann daher sein:

  • In einem Bereich deines Lebens 10-20% weniger Aufwand zu betreiben
  • Hilfe anzunehmen, obwohl du es auch selbst könntest
  • Eine Entscheidung zu treffen, ohne alle Eventualitäten zu kennen und auch wirklich erste Schritte zu machen

Jeder Schritt, der bewusst, aber nicht perfekt gesetzt wird, führt zu einer neuen Erfahrung. Meist passiert nichts Dramatisches, aber das Leben verändert sich langsam. Da ist mehr Leichtigkeit, mehr Klarheit da, und das Gefühl das eigene Leben selbst zu steuern.

Weniger Perfektionismus bedeutet nicht weniger Qualität, sondern mehr Beweglichkeit. Und damit mehr Möglichkeiten auf das Leben zu reagieren, statt es durchgehend vollständig unter Kontrolle halten zu müssen.

Fazit: Was kann mein Perfektionismus für mich tun?

Perfektionismus ist eine Strategie, die wir oft schon in unserer Kindheit erlernt haben, eine Antwort auf Erfahrungen, Erwartungen und dem Wunsch nach Sicherheit. Perfektionismus ist oft hilfreich für uns, denn er sorgt für Qualität, Verlässlichkeit und Struktur. Doch manchmal ist es einfach zu viel und der Perfektionismus kontrolliert unser Leben stärker als uns lieb ist, ist unbewusst bei allen unseren Handlungen und Entscheidungen dabei. Dann unterstützt er uns nicht mehr, sondern verhindert Bewegung und Fortschritt, da Sicherheit wichtiger scheint als Entwicklung.

Unsere perfektionistischen Anteile loszuwerden ist nicht unser Ziel, sondern wir wollen sie bewusst wahrzunehmen und einzuordnen. Wenn wir erkennen, wo sie sinnvoll und hilfreich sind und wo sie uns bremsen, dann können wir sie auch zu unserem Vorteil nutzen.

Um Veränderung anzugehen, braucht es keine perfekten Bedingungen, sondern die Bereitschaft, Unfertiges auszuhalten, Fehler anzunehmen und die Selbstkontrolle zu lockern und Vertrauen aufzubauen. Das fühlt sich anfangs ungewohnt an, aber ist der Weg in die richtige Richtung. Brauchst du dabei Unterstützung, dann melde dich gern bei mir und wir gehen die ersten Schritte gemeinsam.

Weniger Perfektionismus bedeutet nicht, die eigenen Ansprüche aufzugeben, sondern sie bewusst zu nutzen. Damit schaffen wir Raum, für Entwicklung, für Beziehungen und für ein Leben, das sich nicht nur richtig und perfekt, sondern auch stimmig für uns anfühlt.

Beitragsbild: Über Mich | Martina Pietsch wachsenimwechsel lacht freundlich in die Kamera.

Martina Pietsch

Autorin

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